Journal: "Ein siebter EU-Parlamentarier für Luxemburg?"

06/04/2009

Sascha Wagener, geboren 1977 in Luxemburg, will am kommenden Sonntag für die deutsche Partei „Die Linke“ ins Europaparlament gewählt werden. Er ist für Listenplatz zwölf nominiert und hat nur bei einem Resultat von über zehn Prozent für seine Partei eine Chance auf den Einzug ins Brüsseler Parlament. Wagener war von 1994 bis 1999 Mitglied der LSAP und trat 1999 nach seinem Umzug nach Deutschland in die PDS ein. Er kandidierte 1999 für die LSAP im Bezirk Zentrum für die Chamberwahl und belegte damals den zehnten Platz.

Lëtzebuerger Journal: In den Umfragen liegt „Die Linke“ das erste Mal seit zwei Jahren im einstelligen Bereich. Wieso profitiert eine kapitalismuskritische Partei nicht von der derzeitigen Finanzkrise?

Sascha Wagener: Wir wollen keine Umfragen gewinnen, sondern Wahlen. Wir haben bislang bei allen Wahlen besser abgeschnitten als uns vorhergesagt wurde. Aber die Krise nutzt natürlich auch den etablierten Parteien, da die Menschen sich nach politischer Stabilität sehnen.

LJ: Sie sind Anfang März von der Partei „Die Linke“ für die Europawahl aufgestellt worden. Gab es daraufhin auch Reaktionen aus Luxemburg?

SW: Ich bekomme seitdem ungefragt den E-Mail-Newsletter von Robert Goebbels zugeschickt. Ich habe ihm auch schon geantwortet, habe allerdings noch keine persönliche Reaktion darauf von ihm erhalten. Ansonsten hat „Déi Lénk“ reagiert, da wir in einem europaweiten Verbund der Linksparteien zusammenarbeiten. Wir haben auch ein gemeinsames europäisches Wahlprogramm. Ich bin deshalb im Januar auch Mitglied von „Déi Lénk“ geworden, um meine Solidarität auszudrücken.

LJ: Bei getrennten Listen von KPL und „Déi Lénk“ schwächen sich die linken Parteien doch gegenseitig.

SW: Die KPL hat mit einer modernen linken Partei nichts zu tun. Ich würde noch eher die CSV wählen als die KPL. Für uns ist die wichtige Frage, wie man im 21. Jahrhundert Freiheit und Gleichheit gemeinsam diskutieren kann und nicht als Gegensätze begreift. Die KPL hat das leider nicht begriffen und ist Mitglied in einem europäischen Netzwerk, in dem sonst nur noch die kleinsten und verrücktesten Splittergruppen vertreten sind. Die Analyse der KPL ist höchstens interessant für Geschichtsstudenten.

„Hätte im LSAP-Parteiapparat kaum meine Ideale durchsetzen können“

LJ: Sie waren früher bei der LSAP und haben 1999 auch für die Chamberwahlen kandidiert. Wie sind Sie dann zu der damaligen PDS gekommen?

SW: Ich habe vor zehn Jahren mein Studium in Deutschland begonnen. Neben diesem persönlichen Grund gab es aber auch andere Gründe für meine Entfremdung mit der LSAP. Erstens war ich gegen den Kosovokrieg. Meiner Meinung nach wurden damals nicht alle politischen Mittel bis zuletzt ausgereizt. Zweitens hat mich der Rücktritt von Oskar Lafontaine sehr bewegt. Wenn selbst jemand wie er in der Sozialdemokratie resigniert, kann ich mir kaum anmaßen, dort linke Positionen durchsetzen zu können. Und drittens war ich der Meinung, dass ich innerhalb der LSAP vielleicht sogar irgendwann hätte Karriere machen können, aber innerhalb dieses Parteiapparats kaum meine Ideen und Ideale hätte durchsetzen können.

LJ: Sie leben heute in Sachsen, einer Hochburg der rechtsextremen NPD, und sind dort auch kommunalpolitisch aktiv. Wie erleben Sie den Alltag mit den Rechtsextremisten?

SW: Gerade in meinem Wahlkreis Königsstein in der Sächsischen Schweiz gab es bei der Kommunalwahl den höchsten Anteil von NPD-Stimmen in ganz Deutschland. Bei der letzten Kommunalwahl hatte die NPD 18 Prozent, was immerhin schon ein Rückgang von fünf Prozent im Vergleich zur vorherigen Wahl darstellt. Gleichzeitig ist es eine der Gegenden mit dem geringsten Anteil von Ausländern. Ich glaube dass das vieles erklärt. Die Leute haben teilweise noch nie einen Ausländer gesehen und glauben deshalb die Schauermärchen, die die NPD ihnen erzählt. Unserer Aufgabe als „Linke“ ist es, die sozialen und ökologischen Fragen aufzugreifen und mehr Demokratie zu fordern, und auf diese Weise mitzuhelfen, die Nazis zurückzudrängen.

Journal 04.06.2009
Die Fragen stellte Claude Kohnen

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