Luxemburger Wort: "Aller guten Dinge sind drei"
Andre Hoffmann (Déi Lénk) will nur zwei Jahre im Parlament bleiben.
Vor zwanzig Jahren fiel die Mauer. Der Wind des Wandels wehte über den europäischen Kontinent. Die kommunistischen Machthaber stürzten wie Dominosteine. Zu diesem Zeitpunkt war Andr6 Hoffmann noch Mitglied der Kommunistischen Partei Luxemburgs. Er war aus Überzeugung Mitglied der KPL geworden. Ende der sechziger Jahre studierte Hoffmann Philosophie und Deutsch in Caen, Heidelberg und Paris. In jenen Jahren des Umbruchs engagiert er sich bereits in der linken Studentenbewegung Assoss.
Hoffmann ist links, ließ sich aber nicht blenden. Das "stalinistische Unrecht war mir kein Geheimnis." Er protestiert gegen den Einmarsch des Warschauer Pakts in die damalige Tschechoslowakei und die Niederschlagung des Prager Frühlings wie gegen den Krieg der Vereinigten Staaten in Vietnam. "Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, und die Kommunisten waren die einzige Partei, die kohärent und konsequent die Interessen der Arbeiter verteidigt hat." So wird er 1970 Mitglied der KPL, 1978 rückt er in den Stadtrat von Esch nach, wo er für 30 Jahre mitentscheiden soll. Seinen kritischen Geist hat er aber nicht gegen die Parteikarte eingetauscht.
"Mir war schon lange klar, dass das so nicht weitergehen könnte", erinnert er sich heute. Reformen im Kommunismus hielt Hoffmann für unvermeidlich. Hoffnungen setzte er in Michael Gorbatschow. Doch es sollte sich bald herausstellen, dass die kommunistischen Regime im Osten und auch die KPL im Großherzogtum nicht reformfähig waren. "Der Zusammenbruch war seit 1985 eigentlich vorprogrammiert."
Für Andre Hoffmann liegt dessen Ursache nicht alleine in der Misswirtschaft, sondern ist das Ergebnis "fehlender demokratischer Auseinandersetzung". Eine "offene Diskussion" sei in diesen Systemen nicht möglich gewesen. "Es ist doch eine Illusion zu glauben, man könne von oben, mit Hilfe einer Bürokratie, eine Wirtschaft oder sogar eine ganze Gesellschaft lenken."
Was bleibt nach 1989 noch vom Kommunismus? "Von seiner stalinistischen Prägung glücklicherweise nichts", sagt Andre Hoffmann. Aber der ursprüngliche Gedanke, dass "gleichberechtigte Menschen ihre Verhältnisse gemeinsam gestalten sollen", behalte seine Richtigkeit. Auch wenn es keine fertigen Rezepte gebe, um diesen Anspruch zu verwirklichen. So viel Selbstkritik musste auf die Dauer innerhalb der KPL zu Problemen führen. "Verschiedene Themen durften in der Partei nicht angeschnitten werden, wenn man Mitglied bleiben wollte."
Der Führungsstil und der realexistierende Sozialismus waren tabu. 1993 wurden die "Reformer" aus den Gremien der KPL ausgeschlossen. Hoffmann saß zu diesem Zeitpunkt für die Kommunisten im Parlament und wurde zum Unabhängigen. Ein Jahr später gründete sich die "Nei Le"nk" als linke Alternative zu den Sozialisten. Andre Hoffmann wollte sich nicht des "Mandatklaus" bezichtigen lassen und zog sich kurz vor den Wahlen im Juni 1994 aus dem Parlament zurück. Die neue politische Formation erzielte ein "schäbiges Resultat" und keinen Sitz auf Krautmarkt. Erst 1999 gelang Hoffmann wieder der Einzug, nachdem sich die neuen Linken in "déi Lénk" verwandelt hatten und gemeinsame Kandidatenlisten mit den Kommunisten aufboten. Doch es sollte bei einem Gastauftritt bleiben. Im Herbst 2000 kam es nach Turbulenzen innerhalb der Escher CSV zu Stadtratsneuwahlen. Hoffmann wurde Schöffe und glaubte, die doppelte Aufgabe nur schwer erfüllen zu können. Inzwischen hatte sich auch das Verhältnis zwischen Kommunisten und Linken wieder abgekühlt. Bei den Landeswahlen 2004 trat man mit getrennten Listen an, der Sitz ging verloren. "Es gibt sicher Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunisten und uns", erklärt Andre Hoffmann.
"In nationalen vor allem sozialpolitischen Fragen könnten wir uns sicher schnell einigen. Problematisch wird es aber zum Beispiel bei der Europapolitik. Im Gegensatz zur KPL sind wir nicht für eine Auflösung der Europäischen Union". Und dann ist da die Sache mit der Vergangenheit. Die Kommunisten setzen sich nicht mit alten Fehlern auseinander und sehen sich immer noch als die einzigen wahren Kämpfer gegen den Kapitalismus und lassen immer noch kaum Widerspruch zu. Als "dci Lenk" am 7. Juni ihren Wiedereinzug in die Abgeordnetenkammer feiern konnten, war die Freude umso größer, da dieser Erfolg im Süden trotz der kommunistischen Konkurrenz gelingen konnte.
Zum dritten Mal wurde Andre Hoffmann als Abgeordneter vereidigt, doch auch dieses Mal wird er nicht bis zum Schluss der Legislaturperiode im Hohen Haus verweilen. Schon vor der Wahl kündigte Hoffmann an, dass er nach zwei Jahren den Weg für eine Erneuerung frei machen will. Die Linken halten zwar noch am Rotationsprinzip fest, aber Andre Hoffmann wollte sich ohnehin mit 70 aus der aktiven Politik zurückziehen. Kann die Partei sich dann nicht schon wieder von ihrem Sitz leise verabschieden? Immerhin lag Hoffmann mit 10 775 Stimmen weit vor seinen Mitstreitern. "Wir hatten auch viele Listenstimmen. Angesichts der vielen, auch jungen, engagierten Mitglieder, ist es mir um die Zukunft der Partei nicht bange", schwächt Hoffmann den Einwand ab. Zudem erhalte dci Lenk durch das gewonnene Mandat nun Zugang zu staatlichen Finanzierungshilfen, was die Parteiarbeit beflügeln dürfte. Der altneue Abgeordnete will sich in den nächsten Jahren treu bleiben. Eine würdige Wohnung, eine seriöse soziale Absicherung und eine Berufsausbildung für alle, stehen für ihn ganz oben auf der Tagesordnung.
Fehlen dem Philosophielehrer nicht manchmal die hehren Gedanken in der Alltagspolitik? "Der politischen Diskussion fehlt es schon an einer gewissen philosophischen Kultur", räumt Hoffmann ein. "Alles wird sehr pragmatisch abgehandelt." Auf einen bevorzugten Philosophen will sich der Lehrer im Ruhestand nicht festlegen. "Wer philosophisch denken will, sollte keinen Lieblingsphilosophen haben." Aber dann: "Das ökonomische und philosophische Werk von Karl Marx bleibt voller Anregungen." Na also. Und um den Konservativen im Fragesteller zu besänftigen, fugt er an: "Aber auch Kant und die Aufklärung etwa behalten ihre Aktualität. Ich möchte mich eigentlich nicht einseitig entscheiden. Auch das Projekt der Aufklärung ist nicht vollendet." Eben. Panta rhei. Alles fließt und nichts bleibt; es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln, das wusste schon Heraklit.
Laurent Zeimet im Luxemburger Wort vom 4. August 2009
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